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RARÁMURI

Auf den Straßen der Tarahumara

Die Sierra Tarahumara zählt mit ihren tief eingeschnittenen Schluchten zu den größten Canyonlandschaften Nordamerikas. Das Gebirge erstreckt sich über rund 50 Kilometer, einzelne Gipfel ragen bis auf über 2.400 Meter über dem Meeresspiegel. In dieser beeindruckenden Landschaft leben etwa 60.000 Tarahumaras – oder Rarámuri, wie sie sich selbst nennen. Ihr Name bedeutet „Jene, die schnell laufen.“

Der jährlich im abgelegenen Bergdorf Urique stattfindende Caballo-Blanco-Ultramarathon gilt als legendär. Rund 300 Rarámuri-Läuferinnen und -Läufer treffen hier auf 82 Ausdauersportler aus 14 weiteren Ländern, um sich einer der härtesten Herausforderungen des Ultralaufs zu stellen: 80 Kilometer über steinige Bergpfade.

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Auf den Straßen der Tarahumara Staub wirbelt auf, während sich der Pick-up über die schmalen, holprigen Pisten kämpft. Es sind die Wege hinein in die Sierra Tarahumara im Norden Mexikos – die Heimat der Rarámuri-Indianer. Neben mir fällt die Schlucht bis zu 1.800 Meter in die Tiefe, an manchen Stellen nur eine Armlänge vom Reifen entfernt. Man muss verrückt sein, hier entlangzufahren, denke ich und spreche still ein kleines Gebet. Die Höhe ist schwindelerregend, die Luft kühl. Norberto steuert den Wagen mit beeindruckender Gelassenheit. Er lächelt mich von der Seite an und sagt: „Tan bonitas las Barrancas del Cobre.“ Er spricht von der überwältigenden Schönheit und Weite der Kupferschlucht. Dies ist seine Heimat. Die Wege kennt er seit seiner Kindheit. Für mich hingegen beginnt eine Reise in eine völlig andere Welt. Fernab der Alltagssorgen in Deutschland scheinen Raum und Zeit hier eine andere Bedeutung zu haben. Mit einer Ausdehnung von rund 50 Kilometern zählt die Kupferschlucht zu den größten Schluchtensystemen Nordamerikas. Einige Gipfel ragen bis auf über 2.400 Meter über dem Meeresspiegel. In dieser beeindruckenden Landschaft leben etwa 60.000 Tarahumaras – oder Rarámuri, wie sie sich selbst nennen. Der Name bedeutet: „Jene, die schnell laufen.“ Davon konnte ich mich beim diesjährigen Ultramarathon in Urique selbst überzeugen. Rund 300 Rarámuri-Läuferinnen und -Läufer sowie 82 Athleten aus 14 weiteren Ländern kamen zusammen, um eine der härtesten Herausforderungen Mexikos anzunehmen: 80 Kilometer über steinige Pfade, steile Anstiege und lange Abstiege – bei Temperaturen von etwa 30 Grad. Mein Wecker klingelt um fünf Uhr morgens. Aufgeregt packe ich meine Kameraausrüstung zusammen. Alle Akkus sind geladen, die Speicherkarten formatiert. Es kann losgehen. Auf dem Dorfplatz versammeln sich bereits die ersten Teilnehmer. Die meisten Rarámuri tragen ihre traditionelle Kleidung. Die Frauen erscheinen in bunt gemusterten, weit schwingenden Röcken und farbenfrohen Blusen. Die Männer tragen schlichte Hemden und traditionelle Lendentücher. Fast alle laufen in Sandalen, den sogenannten Huaraches. Sie werden mit Lederbändern an den Knöcheln befestigt und besitzen Sohlen aus alten Autoreifen. Einige der jüngeren Läufer tragen inzwischen jedoch Shorts und Turnschuhe. Zwischen ihnen entdecke ich Teilnehmer aus den USA, Deutschland, den Niederlanden und Kanada. Sie verleihen dem Marathon, der unter dem Namen Caballo Blanco weltweit bekannt geworden ist, ein internationales Gesicht. Punkt sieben Uhr fällt der Startschuss. Eine bunte Menschenmenge setzt sich in Bewegung. Warum nimmt man freiwillig eine solche Strapaze auf sich?, frage ich mich. Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. Die Strecke ist in mehrere Abschnitte unterteilt. Für die Teilnahme und jeden erreichten Kontrollpunkt erhalten die Rarámuri Gutscheine für Lebensmittel. Zusätzlich werden die zehn Schnellsten mit beachtlichen Preisgeldern belohnt. Hier beginnt der Mythos von den unermüdlichen Läufern zu bröckeln. Die Sierra Tarahumara leidet unter einer schweren Dürre. Seit zwei Jahren ist kaum Regen gefallen. Quellen und Flüsse sind ausgetrocknet, die Ernten bleiben aus. Die Gutscheine für Mais und andere Grundnahrungsmittel sind für viele Familien überlebenswichtig. Nach sechs Stunden und vierzig Minuten erreicht der erste Läufer das Ziel. Ein Rarámuri. Eine unglaubliche Zeit. Eine unglaubliche Leistung. Doch für viele beginnt der schwerste Teil erst jetzt. Stunde um Stunde kämpfen sie sich weiter durch die Schlucht, angefeuert von den Zuschauern am Wegesrand. Gegen 17 Uhr fahre ich auf der Ladefläche eines Pick-ups mit, der die Strecke kontrolliert. Die Piste ist so ausgefahren und voller Schlaglöcher, dass ich meine Kamera kaum festhalten kann und beinahe vom Wagen geschleudert werde. Es ist der letzte Abschnitt. Noch 14 Kilometer bis ins Ziel. Die Teilnehmer sind inzwischen seit rund zehn Stunden unterwegs. Immer wieder entdecken wir Läufer, die erschöpft am Wegesrand liegen. Wir halten an und fragen, ob sie Hilfe benötigen oder nur eine Pause machen. Einige sind weit über ihre körperlichen Grenzen gegangen. Sie übergeben sich, können nicht mehr weiterlaufen und steigen schweigend auf die Ladefläche des Pick-ups. Gemeinsam fahren wir zurück ins Dorf. Sie blicken erschöpft vor sich hin. In ihren Augen glaube ich Enttäuschung zu erkennen.

On the Roads of the Tarahumara Dust rises into the air as the pickup truck struggles along the narrow, rugged mountain tracks. These are the roads leading deep into the Sierra Tarahumara in northern Mexico—the homeland of the Rarámuri people. Beside me, the canyon plunges up to 1,800 meters into the depths, in some places no more than an arm's length from the tires. You have to be crazy to drive here, I think to myself, quietly whispering a small prayer. The height is dizzying, the mountain air refreshingly cool. Norberto drives with remarkable confidence. He smiles at me and says, “Tan bonitas las Barrancas del Cobre.” He is talking about the breathtaking beauty and vastness of the Copper Canyon. This is his home. He knows every bend in these roads. For me, however, it is the beginning of a journey into another world. Far removed from the worries of everyday life in Germany, time and space seem to follow different rules here. Stretching for around 50 kilometers, the Copper Canyon is one of the largest canyon systems in North America. Some of its peaks rise more than 2,400 meters above sea level. Around 60,000 Tarahumaras—or Rarámuri, as they call themselves—live throughout this spectacular landscape. Their name means "those who run fast." I witnessed the truth behind those words during this year's ultramarathon in Urique. Around 300 Rarámuri runners, together with 82 athletes from 14 other countries, gathered to take on one of Mexico's toughest endurance races: 80 kilometers across rocky trails, steep climbs and relentless descents, under temperatures of around 30 degrees Celsius. My alarm goes off at five o'clock in the morning. Excited, I pack my camera equipment. Every battery is charged, every memory card is ready. It's time to go. The first runners are already gathering in the village square. Most of the Rarámuri are dressed in their traditional clothing. The women wear brightly patterned, flowing skirts and colorful blouses, while the men wear simple shirts and traditional loincloths. Nearly all of them run in huaraches—handmade sandals fastened with leather straps around the ankles, their soles cut from old automobile tires. Some of the younger runners, however, have exchanged tradition for shorts and running shoes. Among them I notice participants from the United States, Germany, the Netherlands and Canada, giving the marathon—known internationally as Caballo Blanco—a truly global character. At exactly seven o'clock, the race begins. A sea of runners surges forward. Why would anyone willingly run such a distance? I ask myself. The answer soon becomes clear. The course is divided into several checkpoints. For participating—and for every checkpoint they reach—the Rarámuri receive food vouchers. In addition, the top ten finishers are awarded substantial prize money. Here, the myth surrounding these legendary runners begins to fade. The Sierra Tarahumara is suffering from a devastating drought. It has barely rained in two years. Springs and rivers have dried up, crops have failed, and the vouchers for corn and other staple foods have become essential for many families' survival. After six hours and forty minutes, the first runner crosses the finish line. A Rarámuri. An astonishing time. An extraordinary achievement. But for many others, the greatest challenge is still ahead. Hour after hour they fight their way through the canyon, encouraged by spectators lining the trail. Around five o'clock in the afternoon, I climb onto the back of a pickup truck that is patrolling the course. The road is so rough and uneven that I struggle to keep hold of my camera and nearly lose my balance. This is the final section. Only 14 kilometers remain. By now, many of the runners have been on their feet for nearly ten hours. Again and again, we find exhausted runners lying beside the trail. We stop to ask whether they need help or are simply taking a short break. Some have pushed far beyond their physical limits. They are vomiting, unable to continue. Silently, they climb onto the back of the pickup, and we drive them back to the village. They stare ahead in silence. In their eyes, I think I can see disappointment.

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